„Bloß nicht auf die große KI-Revolution warten.“

Interview mit Bernd Saurugg: Warum Filialen sterben, Beratung wichtiger wird – und KI den Wandel beschleunigt

Jetzt auch zum Hören: Das Interview in der KI-Audiofassung (07:18 min) 🔈

Bernd Saurugg ist seit mehr als 20 Jahren im strategischen und operativen Vertriebsmanagement für Versicherungsunternehmen tätig und Geschäftsführer der call us Assistance International GmbH – einer 100 %-Tochter von UNIQA Österreich Versicherungen AG.

Im Interview spricht der Branchenkenner mit uns über Kosten- und Margendruck, digitale Transformation, die Rolle der Filiale von morgen und warum echte Customer Centricity für Banken und Versicherer überlebenswichtig wird:

Von außen wirkt die Finanzbranche stabil, fast unbeweglich – und steht doch mitten in massiven Umbrüchen. Welche großen Themen bewegen die Branche derzeit am stärksten? Und welche Fragen halten Entscheider:innen nachts wach?

Bernd Saurugg: Die größten Themen sind aktuell ganz klar Kosten- und Margendruck, zunehmende Regulierung und die digitale Transformation. Entscheider:innen fragen sich dabei vor allem: „Wie können wir Kosten senken, ohne Innovationskraft zu verlieren?“ und „Wie bringen wir Cloud, KI und Automatisierung in Einklang mit Regulatorik und Security?“

Gleichzeitig müssen Banken und Versicherer ihre digitale Transformation mit immer weniger Budgets vorantreiben. Aus Kosten- und Ressourcengründen schaffen sie das nicht alleine – hier sind starke Partnerschaften entscheidend, um Geschwindigkeit, Technologie-Know-how und Compliance sicher zusammenzubringen.

 

Bernd Saurugg – Erfahrung, Marktverständnis, Trendgespür


Bernd Saurugg ist Geschäftsführer der call us Assistance International GmbH, einer 100-prozentigen Tochter der UNIQA Österreich Versicherungen AG in Wien. In den letzten 20 Jahren hat er sich umfassendes Markt-Know-how in den Regionen CE und CEE im Bereich Versicherungs- und Finanzdienstleistungen angeeignet und ein ausgeprägtes Gespür für aktuelle Branchentrends entwickelt.

Drei Hashtags, die für Saurugg den Finanzsektor aktuell am besten beschreiben: #DigitaleTransformation #AIinAction #CustomerFirst

Für viele Expert:innen und Institute gilt das Jahr 2025 als „Jahr der Abrechnung“ für Banken: Die Kosten steigen, die Zinsmargen schrumpfen, die Regulierung nimmt zu und  gleichzeitig drängt die digitale Transformation. In welchen Bereichen stehen Banken und Versicherer im DACH-Raum heute gut da – und in welchen wird es richtig eng?

Saurugg: Im Frontend – also bei Mobile Apps, Online Banking oder Payment – sind Banken und Versicherer in der DACH-Region schon ziemlich gut aufgestellt. Wo es jedoch eng wird: im Backend. Veraltete Systeme, hohe Wartungskosten und fehlende End-to-End-Digitalisierung sind oft große Bremsklötze.

Der Schritt zur Ablösung von Legacy-Systemen fühlt sich manchmal wie eine endlose Geschichte an. Inzwischen gibt es jedoch Lösungen in Form von KI-Assistenten, die komplexe, alte Anwendungssysteme analysieren und die Zusammenhänge zwischen Geschäftslogik und Code transparent machen. So kann die Ablöse von Legacy-Systemen mit wenig Risiko und gezielten Maßnahmen realisiert werden.

Stichwort Transformation: Vier von fünf Kund:innen nutzen heute Online-Banking, 98% zahlen kontaktlos – gleichzeitig sind Filialen für viele ältere Menschen nach wie vor wichtig. Wie verändert sich damit die Rolle der Bankfiliale? Und was bedeutet das für die Beziehung zwischen Bank und Kund:innen?

Saurugg: Die Filiale verliert zwar an Bedeutung als Transaktionsort, gewinnt aber als Beratungs- und Vertrauensanker. Besonders bei der älteren Generation oder komplexen Finanzentscheidungen bleibt sie weiterhin relevant. Entscheidend ist die Integration von digital und physisch – Kund:innen erwarten nahtlose Übergänge.

Und auch insgesamt verändert sich die Identität von Finanzinstituten sehr stark: Von reinen Produktanbietern hin zu Lebensbegleitern. Versicherer denken in Prävention, Banken integrieren ihre Leistungen in Alltags-Apps oder E-Commerce-Umfelder. Die Filiale ist also einer von vielen Touchpoints die aktuell im Wandel sind.

 

Die Bankfiliale ist tot. Lang lebe die Bankfiliale?

Das „Filialsterben“ ist Realität: Sieben von zehn jungen Menschen brauchen keine Filiale mehr, jede:r Zweite kann sich eine reine Online-Bank vorstellen.

Was kommt also nach der klassischen Filiale?
Banking wird digital – und gleichzeitig persönlicher. Die Filiale der Zukunft ist kein Schalter, sondern ein Raum für echten Mehrwert: digital verlängert, hybrid erlebbar und auf Beziehungen statt Transaktionen ausgerichtet. Denn Vertrauen entsteht nicht mehr durch Schalterlogik, sondern durch Personalisierung.

Quelle: bitkom (2025): Online-Banking auf neuem Höchststand – Bankfilialen unter Druck

Hyperpersonalisierung gilt als Buzzword des Jahres: Auch Banken und Versicherer versprechen, Daten sinnvoll zu nutzen, um Kund:innen individueller anzusprechen. Wie nah ist die Branche tatsächlich an echter Hyperpersonalisierung – und wo sehen Sie die größten Potenziale, aber auch Hürden?

Saurugg: Echte Hyperpersonalisierung ist heute noch mehr Anspruch als Realität. Viele Institute nutzen zwar Daten, aber oft in Silos. Das eigentliche Potenzial liegt darin, Daten kontextbezogen einzusetzen – Kund:innen also im richtigen Moment mit relevanten Services zu erreichen. Die Hürden sind klar: Datenschutz, Legacy-Systeme und fehlende Data-Governance.

Der erste notwendige Schritt ist daher eine holistische Datenstrategie – mit einem zentralen, einheitlichen Datenhaushalt über das gesamte Unternehmen hinweg. Auf dieser Basis lassen sich mit KI-Technologien gezielt personalisierte Services entwickeln.

 

Echte Hyperpersonalisierung ist heute noch mehr Anspruch als Realität. Viele Institute nutzen zwar Daten, aber oft in Silos. Das eigentliche Potenzial liegt darin, Daten kontextbezogen einzusetzen. Kund:innen also im richtigen Moment mit relevanten Services zu erreichen.

Bernd Saurugg

CEO
call us Assistance International GmbH

Echte Hyperpersonalisierung ist heute noch mehr Anspruch als Realität. Viele Institute nutzen zwar Daten, aber oft in Silos. Das eigentliche Potenzial liegt darin, Daten kontextbezogen einzusetzen. Kund:innen also im richtigen Moment mit relevanten Services zu erreichen.

Bernd Saurugg

CEO
call us Assistance International GmbH

Finanzbranche im KI-Paradoxon: Aufbruchsstimmung trifft auf Zurückhaltung

77% der Entscheider:innen in Banken und Versicherungen erwarten tiefgreifende Veränderungen durch KI, doch nur jede:r Zweite hält das eigene Unternehmen dafür gerüstet. Besonders groß sehen sie die Potenziale bei Datenanalyse und Vorhersagen (58%), Betrugserkennung (46%) sowie automatisierten Kund:inneninteraktionen (42%) – also in Bereichen, die bereits heute mit praxisnahen Tools realisierbar sind.

Gleichzeitig verfügen viele Institute über ein stabiles Fundament: 63% vertrauen ihren Daten, rund 70% bewerten ihre Software als modern. Damit sind die Voraussetzungen gegeben, um mit konkreten Use Cases zu starten und Schritt für Schritt Vertrauen in KI-Anwendungen aufzubauen.

Quelle: Tietoevry (2024): Österreichs Finanzsektor im Wandel

Alle reden über KI – doch kaum jemand traut sich selbst wirklich etwas zu. Eine aktuelle Studie aus Österreich zeigt: 77% der Entscheider:innen in Banken und Versicherungen erwarten fundamentale Veränderungen durch KI, aber nur jede:r Zweite glaubt, dass die eigene Organisation dafür bereit ist. Wie erleben Sie dieses „Change-Paradoxon“ am Markt?

Saurugg: Die neuesten AI-Technologien, über die aktuell viel gesprochen wird – etwa generative Modelle – sind für die Kernprozesse von Banken und Versicherungen aus Gründen wie Regulatorik und einer zersplitterten Datenlandschaft derzeit noch nicht flächendeckend einsetzbar. Außerdem: Wenn man über KI redet, meint man oft gar nicht KI im engeren Sinne – und das ist auch völlig in Ordnung. Denn es gibt bereits praxisgeprüfte Tools mit einfacheren Technologien, die mit überschaubaren Eingriffen große Effizienzhebel in der Prozessautomatisierung bieten.

Genau damit lassen sich schnell spürbare Ergebnisse erzielen – wir haben zum Beispiel mit unserem Ende 2023 implementierten SaaS-Tool diverse Workflows automatisiert und dadurch den manuellen Aufwand um bis zu 75% reduziert. Der Schlüssel liegt also darin, nicht auf die „große KI-Revolution“ zu warten, sondern mit praktischen, greifbaren Use Cases zu starten, die Vertrauen schaffen und den Weg für weitere Schritte ebnen.

Aus Ihrer Sicht: Welche Fehler dürfen Banken und Versicherer im Marketing und in der Kund:innenzentrierung bis zum nächsten „Jahr der Abrechnung“ 2028 auf keinen Fall machen, wenn sie zukunftsfähig bleiben wollen?

Saurugg: Der größte Fehler wäre, Kundenzentrierung nur als Marketing-Schlagwort zu verstehen. Wer bis 2028 nicht konsequent die Bedürfnisse seiner Kund:innen in Prozesse, Produkte und Kommunikation integriert, riskiert, Marktanteile an neue Player zu verlieren. Ebenso fatal: In Silos investieren – etwa Digitalprojekte ohne Verzahnung mit Kernsystemen.

 

Herr Saurugg, danke für die spannenden Einblicke.